Biomechanik

Was ist besser:

Waldlauf oder Fitnessstudio? Frische Luft, Sonne und ein weicher, unebener Waldboden? Oder gezieltes Krafttraining an Geräten?

Die Antwort ist:

Beides kann hilfreich sein – und beides kann unter bestimmten Voraussetzungen Probleme verstärken.

Denn Bewegung ist nicht automatisch gesund, nur weil wir uns bewegen.


Wenn unser Körper Belastungen nicht gut verteilt, wenn Gelenke und Körpersegmente ungünstig zueinander ausgerichtet sind oder wir bestimmte Bewegungsmuster immer wiederholen, kann auch Training zur zusätzlichen Belastung werden. Das bedeutet nicht, dass Bewegung grundsätzlich „schlecht“ ist. Im Gegenteil: Bewegung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Entscheidend ist dabei, WIE wir uns bewegen – und wie gut unser Körper die dabei entstehenden Kräfte verteilen?

Erst organisieren, dann belasten

Unser Körper muss sich ständig mit der Schwerkraft auseinandersetzen. Knochen, Gelenke, Muskeln, Faszien und Nervensystem arbeiten dabei nicht isoliert, sondern als miteinander verbundenes System.

Eine gute Bewegung beginnt deshalb nicht unbedingt mit „mehr Kraft“, „mehr Dehnung“ oder „mehr Training“.

Sie beginnt mit einer möglichst günstigen Organisation und Positionierung des Körpers im Raum.

Statt einzelne Körperteile isoliert zu betrachten, lohnt sich der Blick auf die gesamte Kette:

Fuß – Bein – Becken – Wirbelsäule – Schultergürtel – Kopf.

Verändert sich an einer Stelle etwas, kann das Auswirkungen auf andere Bereiche haben. Der Körper sucht ständig nach Lösungen, um Stabilität und Bewegung trotz veränderter Bedingungen zu ermöglichen.

Und hier setzt die biomechanische Betrachtung an:

Nicht nur fragen: „Was ist schwach oder verspannt?“

Sondern: „Warum organisiert mein Körper diese Bewegung genau so?“ “Und was davon ist physiologische, was kompensatorische Bewegung?”

Warum isoliertes Muskeltraining nicht immer zielführend ist

Muskeln sind für Bewegung unverzichtbar. Sie erzeugen Kraft, stabilisieren Gelenke und ermöglichen überhaupt erst unsere Bewegungen.

Aber ein Muskel arbeitet niemals völlig unabhängig vom Rest des Körpers.

Seine Aktivität wird durch das Nervensystem gesteuert und steht in ständigem Zusammenspiel mit Gelenken, Bindegewebe, Faszien und den Informationen, die aus dem Körper zurückgemeldet werden.

Das fasziale Gewebe ist dabei weit mehr als eine passive „Verpackung“ der Muskulatur. Es ist reich an Sinnesrezeptoren und beteiligt sich an der Wahrnehmung von Spannung, Bewegung und Position. Dadurch erhält das Nervensystem fortlaufend Informationen darüber, wie sich unser Körper im Raum organisiert.

Der Körper lernt.

Er passt Bewegungen an das an, was er regelmäßig erlebt.

Wenn wir beispielsweise über Jahre überwiegend sitzen, bestimmte Bewegungen vermeiden oder immer wieder dieselben Bewegungsmuster verwenden, kann unser Bewegungssystem diese Muster zunehmend effizient und vertraut machen. Was ursprünglich eine sinnvolle Anpassung war, kann unter anderen Bedingungen irgendwann zu einer Einschränkung werden.

Das Ziel ist deshalb nicht, den Körper mit Gewalt in eine „perfekte Haltung“ zu drücken.

Es geht vielmehr darum, ihm neue Bewegungs- und Belastungsmöglichkeiten anzubieten.

Kleine Veränderungen können große Wirkung haben

Wenn wir unsere Haltung und Bewegung verändern möchten, brauchen wir häufig keine spektakulären Übungen.

Oft geht es um feine, präzise Veränderungen:

Wie steht der Fuß auf dem Boden?
Wie verteilt sich das Gewicht?
Wie bewegt sich das Becken?
Wie organisiert sich die Wirbelsäule?
Wie frei kann der Brustkorb atmen?
Wie positioniert sich der Kopf?

Und vor allem:

Kann der Körper diese neue Organisation als angenehm, sicher und belastbar erleben?

Durch gezielte Wahrnehmung und Bewegung können neue Informationen an das Nervensystem vermittelt werden. Mit Wiederholung können sich Bewegungsstrategien verändern und zunehmend automatisieren.

Wir wollen also nicht Muskeln oder Faszien „manipulieren“, sondern dem gesamten Bewegungssystem eine bessere Alternative anzubieten.

Biomechanik ist keine Momentaufnahme

Eine neue Körperorganisation entsteht nicht dadurch, dass wir einmal eine Übung machen und danach für immer „gerade“ bleiben.

Unser Körper reagiert auf das, was wir ihm regelmäßig anbieten. Deshalb ist Kontinuität und Präzision wichtiger als Perfektion.

Schon wenige Minuten achtsamer Bewegungsarbeit, regelmäßig in den Alltag integriert, können sinnvoller sein als eine große Trainingseinheit, nach der wir für die nächsten Tage wieder in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen.

Der Körper braucht Wiederholung, um neue Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen.

Wahrnehmen - Ausprobieren - Nachjustieren - Wiederholen

Das ist echte Knochenarbeit – im besten Sinne.


Das Altern ist auch eine Frage unserer Bewegungsmuster. Altern lässt sich nicht aufhalten. Aber wir können beeinflussen, wie wir unseren Körper im Laufe der Jahre belasten und bewegen.

Denn mit jedem Lebensjahr sammeln wir nicht nur Weisheit, sondern auch mehr Bewegungserfahrung – gute wie ungünstige.

Wir verbringen unzählige Stunden in bestimmten Positionen, wiederholen bestimmte Bewegungen und entwickeln Gewohnheiten, die unser Bewegungssystem prägen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Schmerz durch „falsche Haltung“ entsteht. Schmerzen sind komplex und können viele Ursachen haben.

Aber es bedeutet:

Wir sind unseren Bewegungsgewohnheiten nicht völlig ausgeliefert. Auch im hohen Alter können wir Beweglichkeit, Kraft, Koordination, Körperwahrnehmung und die Qualität unserer Bewegungen trainieren.

Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht:

„Wie alt bin ich?“

Sondern:

„Wie gut kann sich mein Körper an unterschiedliche Anforderungen anpassen?“

Freudvolles Altern bedeutet nicht, den Körper möglichst lange vor Belastung zu bewahren. Es bedeutet, ihm immer wieder die Möglichkeit zu geben, Belastung gut zu organisieren.

Denn Bewegung ist nicht nur Training.

Bewegung ist Kommunikation mit dem eigenen Körper.

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